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Grüße aus dem Krankenhaus

Als ich im August 1990 einen Herzinfarkt hatte, brachte man mich in ein Krankenhaus mit bestem Ruf und sehr fürsorglicher Pflege.


Gleich zu Beginn erklärte mir ein freundlicher Pfleger, man habe das schönste Zimmer für mich ausgesucht und meinte ermutigend: „Hier ist Bischof Moser auch schon gestorben.“
Meine Genesung verlief viel erfreulicher, und als ich wieder schreiben konnte, verfasste ich einen Gruß an alle, die mir in den Wochen davor ihre Wünsche geschickt hatten. Mir hat es geholfen, über meine Lage zu lachen, und vielleicht kennen Sie ja selbst, was ich da beschrieb.
Viel Spaß damit!

Grüße aus dem Krankenhaus

September 1990

O Freund, o Freundin, lass dich herzlich grüßen!
Ich lege hiermit dir zu deinen Füßen
den nichts als Wahrheit bietenden Bericht
was dir, bist du in solchem Haus, geschicht.

Du fragst nach meinem Zustand, dem Ergehen,
du fragst, was alles um mich her geschehen
und in mir selber auch? So soll es sein,
und ich erzähl dir’s, wenn auch kurz und klein.

Soll ich dir schildern, wie dein Tag beginnt?
Wie er durch all die langen Stunden rinnt?
Wenn kaum die Fünfe auf der Turmuhr klang,
nimmt schon das Schicksal seinen ehrnen Gang:
Da brennt das Licht auf, plötzlich, an der Stätte,
an der du schlummerst, tief in deinem Bette.
Du fährst aus kurzem, abgerissnen Traum
und siehst nur noch den weißen Schürzensaum,
der durch dein Zimmer huscht und dir verkündigt,
nun gelte eisern: Wer noch schläft, der sündigt.

Denn nur ein armer Träumer kann noch wähnen,
es gehe an, die Zeit des Schlafs zu dehnen.
Er merkt: Er ist gemeint. Alsbald versteht er,
er solle sich dies kleine Thermometer
einstecken ins Gedärm. Nach kurzem Üben
hört er die Botschaft: Sechsunddreißig-sieben.

Danach ist Frieden, und du ziehst die Decken
dir übers Ohr, doch neue Worte wecken
dich zart aus deiner Träume Taschen.
Die Schüssel kündet dir: Man will dich waschen.

Wenn du dann, neu gereinigt, dich erholen möchtest
und deine Beine gern in Ruhelage brächtest,
so kommt die gute Schwester, sie zu binden
und sie mit langen Streifen Stoffes zu umwinden.

Doch wenn du so mit Strümpfen angetan
dich neu zurecht legst in des Bettes Kahn,
so dauert es Minuten nur, bis deine Blicke
das sanfte Mädchen sehen, das des Blutes Drücke
und seinen Puls zu registrieren hat.

Und legst du dich, vom vielen Pulsschlag satt,
erneut in Morpheus’ Arme, dauert es Minuten
bis du vernimmst, du sollst dich sputen
dich umzudrehn mit Kopf und Bauch und Beinen
damit das Bett mit Kissen und mit Leinen
erneuert werde und geglättet: Zarte Hände,
zufassend oben und am untern Ende,
ziehn dir ein neues Laken unter deinen Leib,
und niemand sage, nur zum Zeitvertreib.

Danach, so suchst du, frisch und rein gebettet,
den Schlaf erneut, der deinen Frieden rettet.
Doch schon nach kurzer, eingeschlafner Freude,
drehst du dich, tief erschreckt, zur Seite:
Dort nahen Eimer sich, den Raum zu putzen
– du fügst dich, kennst du doch des Putzens Nutzen.

Wenn dann der Krieg der Schrubber und der Eimer
beendet, fasst du neue Hoffnung, Träumer,
vergeblich freilich! Duftend süß und leise
sucht deine Tätigkeit die Morgenspeise:
Du findst ein Frühstück neben deinem Bette,
davon ein Grandhotel noch Ehre hätte.

Sinkst du gesättigt aber in die Kissen,
so lässt die nächste Krankenfee dich wissen,
es fehle dir der Stuhlgang des vergangnen Tages:
“Was ist mit Ihrem Darm, und woran lag es?“

Sie gibt dir eine Pille, die du folgsam schluckst,
und wenn es schließlich hörbar in dir gluckst,
so rufst du, von Verlegenheit ganz feucht,
nach einer, die dir eine Schüssel reicht.

Am Ende kommt sie neu, dich umzuwenden
und keusch und sanft mit kundgen Händen,
papierbewehrten, freundlich zu beweisen,
es mindre deine Würde nicht, normal zu sch-lafen.

Schon bald darauf – du schliefst mit Mühe ein –,
naht zähnebleckend Doktor Frankenstein,
Blut abzusaugen deinem dünnen Arm.
Er zieht es aus der Vene, rot und warm,
bis dass er satt von dem Genuss zu schröpfen.
Nicht eimerweise, freilich, nur in kleinen Töpfen
trägt er’s von dannen, und zum Lohn
sinkst du zurück ins Kissen, schlafend schon.

Nach kurzer Zeit, zu neuem Schrecken dir,
tritt eine flotte Dame durch die Tür,
sie schaut auf deinen Fuß und großen Zehen
und gibt beschwingten Muts dir zu verstehen,
du sollst den großen Zeh nach oben knicken
und ihn danach ganz sanft nach unten drücken.
Sie lobt die Leistung und dein Können sehr
und schwebt von dannen: „Morgen gibt es mehr!“

Danach – um Vormittages Mitte –
empfängst du voller Ehrfurcht die Visite.
Du bist Patient, das merkst du hoch erbaut.
Du fühlst den Ernst, der auf dich niederschaut.
Du bist ein Fall und etwa mittelschwer,
man kennt dich bis zum Grund – was willst du mehr?
Ist sie hinausgewandelt, fällst du matt
ins Bett zurück, von vieler Arbeit satt.

Doch nur ein blauer Optimist kann hoffen
nun stehe ihm das Reich der Träume offen.
Alsbald bewegt sich durch die Tür ein Traum von Blüten.
Du ziehst den Brief aus einer Plastiktüten
und liest: Wir wünschen Ruhe und Genesung!
Doch meinst du, nach Empfang und Lesung
sei dir nun Ruhe, wohl gar Schlaf beschert,
so wirst du augenblicks des Besseren belehrt.

Soll ich den Tag bis an sein End erzählen?
Ich will dich schonen und die Kürze wählen.
Die Kürze ist in jedem solchen Fall
die Quintessenz, die Lehre, die Moral.
Vernimm sie so, aus deines Freundes Mund:
Steig in ein Krankenbett nur, wenn du kerngesund!

Mit herz-infarkt-lichen Grüßen
Jörg Zink