Internetseite von Jörg Zink
Die Internetseite von Jörg Zink

»Aufatmen sollt ihr und frei sein«

Ansprache von Prälat i.R. Martin Klumpp
im Dank- und Trauergottesdienst für Jörg Zink
auf dem Stuttgarter Waldfriedhof am 26. September 2016

... Sie haben vorgeschlagen, dass wir jetzt auf ein Wort Jesu hören, das Ihrem geliebten Mann und Ihrem – wie Sie in der Anzeige schreiben – wunderbaren Vater und Großvater besonders wichtig war: Matthäus 11,28. In der Übersetzung Martin Luthers heißt diese Stelle:

»Kommet her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.«

Das ist ein schöner Sprachklang für alle, die in dieser Sprachtradition zuhause sind. Aber Jörg Zink wurde in seinem Leben noch einen anderen Weg geführt. Er wurde zu einem Grenzgänger aus dieser Sprach- und Gefühlstradition, die ihn zunächst prägte, hinaus zu denen, die bei dem Wort »mühselig« nicht in eine emotionale Rührung geraten, bei denen dann nur ein Klang von Kirchlichkeit aufkommt. Für ihn war dies ein Weg, der ihn nicht von Jesus wegführte, auch nicht ein Weg, auf dem nur alles etwas liberaler, aufgeklärter oder »moderner« klingen sollte.

Es war ein Weg ganz nah bei Jesus und mit ihm dorthin, wo Arme, Elende und Außenseiter dazugehören. Tatsächlich dankt hier Jesus dem himmlischen Vater, dass er das Geheimnis der Liebe Gottes nicht für die Weisen, Klugen, Geschulten und Geübten reserviert hat, sondern jene erreicht, die Luther als »Unmündige« bezeichnet, die die feierliche Kirchensprache nicht beherrschen. Jörg Zink spricht in seiner Übertragung von denen, »die keine Macht und kein Wissen besitzen«, die gewissermaßen draußen sind. So entsteht bei ihm eine Sprache, für die man nicht zuerst eine kirchliche Mauer übersteigen muss, um von ihr berührt zu werden – eine Sprache, in der jeder Ungeschulte von heute unmittelbar emotional begreift, was gemeint ist:

»Kommt her zu mir alle,
die ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last,
die ihr seufzt unter harten Geboten
und unter der Last eurer Pflicht.«

O ja, das kennen viele von uns. Und dann der wunderbare Ausruf Jesu:

»Aufatmen sollt ihr und frei sein.«

Der Firnis, der sich im Laufe der Geschichte auf die unmittelbar liebevolle Sprache Jesu gelegt hatte, wird hier behutsam weggekratzt, wie bei einem Bild, das dann wieder im Original erkennbar wird.

Sie liebe Frau Zink haben dann die Geschichte vom verlorenen Sohn dazu gedacht. Jörg Zink sieht in diesem wunderbaren, festlich-freudigen Mahl, zu dem der Vater nach Rückkehr des Verlorenen einlädt, ein Symbol für das, worum es Jesus geht. Das mutet er dem rechtschaffenen Sohn, der nie ausbrach, zu: Jesus reißt die Mauer, zwischen denen, die drin oder draußen sind, einfach nieder.

In seinem Buch über Jesus stellt sich Jörg Zink – bezeichnenderweise – vor, wie er die komplizierte Rechtfertigungslehre heute einem Kind erklären könnte, und sucht eine Sprache, die kindliche Erfahrung wachruft: Stellt euch vor, da kommt ein Gerechter, ein Ehrenmann, zu diesem Mahl und Jesus sagt zu ihm freundlich und froh: »Du bist willkommen, aber lass hier draußen liegen, was du hier nicht brauchst: dein Renommee, deinen Rang, deine Position, deine Qualität, deine Orden und Ehrenzeichen. Leg es hier hin. Es gilt nichts. Und dann komm!« Und dann kommt ein anderer, ein schlechter Mensch, der die Schuld eines langen Lebens mit sich herumträgt. Und Jesus sagt: »Freund, komm! Lass alles hier draußen liegen, was du getan hast. Es soll zwischen uns nicht gelten. Lege alles ab. Komm herein und feiere mit uns.« – Das ist Evangelium pur. Man kann hier immer wieder diesen wunderbaren Heilsruf Jesu anfügen: »Aufatmen sollt ihr und frei sein.«

*

Liebe Frau Zink, liebe Familie, liebe Gemeinde! Ich habe mir überlegt, was das mit einem Menschen macht, wenn er das ganze Neue Testament und große Teile des Alten Testaments nicht nur philologisch korrekt neu übersetzt, sondern dabei innerlich jeden Satz hin und her wälzt, meditiert – nicht nur mit der Frage, was äußerlich dasteht, sondern welches innere Verstehen, welche innere Bewegung hier ausgelöst wird? Das Evangelium ist nicht nur eine Sachinformation, sondern es ist Leben-befreiendes Wort.

Wie kam Jörg Zink dazu, sein ganzes Leben in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen und unermüdlich in immer neuen Anläufen dabei zu bleiben?

Er studierte, forschte, reiste, suchte, schrieb auf, suchte Bilder, feilte an der Sprache, übte, das Komplizierte einfach zu sagen. Er war ein Pionier auf der Suche, wie die Sprache des Glaubens im Medium Fernsehen hörbar und verständlich werden könnte.

Er wusste es nicht, er suchte danach, probierte es. In seinem kurzen Lebensbericht bemerkt er an dieser Stelle: »Das Wichtige daran war, dass jede dieser Sendungen den Gedanken der Menschen, jedes Einzelnen von ihnen, gewidmet war.«

Und die vielen Menschen hörten gerne diese Sendungen und kauften die Bücher, eins ums andere, nicht weil Werbung dafür gemacht wurde, sondern weil sie unmittelbar spürten: Da geht es um mein Leben, so wie Gott es mir schenken will.

Das Schöne an diesem Leben ist gewiss, dass er nicht stöhnte unter dem vielen, was er tat, sondern spürte, wie wichtig es ist, dass er selber erfüllt und geprägt war von der Botschaft, für die er immer neue Sprache suchte.

Noch einmal die Frage: Wie kam das alles?

Eigentlich hatte er eine ganz schwierige Kindheit und Jugend, wo man denkt, er hätte auch zerbrechen können. Mit zwei Jahren verlor er seine Mutter. Der Vater mit drei Söhnen findet eine neue Partnerin, ein weiterer Bruder kommt zur Welt. Und dann, mit vier Jahren, verliert der kleine Jörg auch den Vater. Die arme Mutter steht mit vier noch ziemlich kleinen Söhnen da. Jörg findet Halt, indem er als Junge ganz allein mit einem alten Fahrrad die Schwäbische Alb durchstreift und in der Schöpfung Spuren Gottes findet. Zitat von ihm: »Mir schien schon als Kind, die Dinge bestünden nicht eigentlich aus festem Stoff. Und je länger ich noch heute einen Stein betrachte, einen Baum, ein vor mir liegendes Land, desto durchscheinender werden sie, als wären sie aus Kristall, aus Glas oder eigentlich nur aus Gestalt gewordenem Licht.«

Und dann: als Junge oder junger Erwachsener fünf Jahre Kriegsdienst, Luftwaffe. Sein Flugzeug wird abgeschossen und er bleibt – wie durch ein Wunder – am Leben. Seither weiß er, wie endlich unser Leben ist. Aber danach der Höhepunkt des Schreckens: Anklage wegen Fahnenflucht, Militärgefängnis. Er muss mit seinem Ende rechnen und an einem französischen Gefangenen, wie gelassen und voll Gottvertrauen dieser ihm unbekannte junge Mann auf seinen Tod zuging. Das gibt es also wirklich: dass Christus in einem Menschen lebt und in der größten Schwachheit Kraft gibt.

Er studiert Theologie nicht nur, um Wissenschaft zu treiben, sondern um den Glauben auszuprobieren, um die Lebendigkeit des Christus in uns und unserem Leben aufzuspüren. Vermutlich wurde das zum Antrieb für das ganze weitere Leben und zum Motor für dieses große Werk, das mit so viel Fleiß und Phantasie hier entstand.

Trotzdem wurde aus ihm nicht nur ein öffentlich bedeutender, weit über die Grenzen der Kirche hinaus wirkender Pfarrer und Publizist. Er war auch ein ganz liebevoller, einfühlsamer, sensibler Ehemann, ein an sich selbst bescheidener Mensch und ein lieber, phantasievoller und interessanter Vater und Großvater, der mit den Kindern spielt, der sich für sie Zeit nimmt, der sie handwerklich anleitet, mit ihnen fröhlich Philosophie treibt, der keinen Glauben überstülpt, der sich auch nicht als das große Glaubensbeispiel zeigt, der einfach der Mensch ist, der er ist, und hilfreich eintritt, wenn eines krank oder sogar schwer krank wird.

So ist er auch ein Bürger, der sieht, wie es den Menschen um ihn herum geht. Ihm fällt auf, wie viele Kinder in viel zu kleinen Wohnungen leben, in denen sie nichts außer Beton und Teppichboden sehen. Daraus wachsen keine frohen, kreativen Kinder. So wurde er zum viel geliebten und engagierten Vater einer Jugendfarm.

*

Liebe Frau Zink, auf unserem Liedblatt ist von einem Dank- und Trauergottesdienst die Rede. Sie sagten zu mir: Es gibt unendlich viel zu danken, nicht nur in der Öffentlichkeit für sein Wirken zum Wohl für ganz viele Menschen; nicht nur in der Kirche für seinen Dienst, in dem er weit über die Kirche hinaus wirkte; nicht nur für viele Pfarrerinnen und Pfarrer, denen er mit seiner Arbeit und seiner Art zu wirken Vorbild und Ermutigung war; nicht nur beim Kirchentag, den man sich lange Zeit ohne ihn nicht denken konnte; nicht nur in den vielen kleinen Gruppen, in denen sich Menschen zur Besinnung und zur Meditation trafen, nicht nur für Trauernde, die in seinen Büchern Trost gefunden haben, nicht nur in den Familien, für die die Jugendfarm ein heilsamer Ort war. Es gibt ganz viel Grund zum Danken.

Herr Landesbischof July hat mich ausdrücklich gebeten, hier auch zu sagen, dass er persönlich, die Kirchenleitung und die ganze Landeskirche dankbar seiner gedenken und nicht vergessen, wie wertvoll dieser Dienst für so viele Menschen war und ist. Auch Sie und Ihre ganze Familie, im Privaten also, haben ganz viel zu danken dafür, das Ihr Mann und Ihr Vater und Ihr Großvater ganz einfach so war, wie er war.

Jörg Zink wurde nicht grausam vom Tod aus dem Leben gerissen. Sie haben gespürt, dass er ganz ruhig dem Sterben entgegenging, zumal er gewiss war, dass Sterben auch Befreiung ist aus den Zwängen dieser Welt, dorthin, wo alles von Gottes Geist erfüllt ist.

Trotzdem tut sein Weggang weh und löst auch Schmerz und Trauer aus. Das ist einfach so. Das kann man mit keinen Argumenten verhindern. Oft kommt der große Schmerz erst viel später, wenn alles ruhig wird und wenn das Alleinsein schmerzlich spürbar ist. Man kann auch sechsundsechzig Jahre Ehe nicht einfach auf die Seite legen. Das Trauern ist ein Teil des Lebens. Der Glaube erspart uns die Trauer nicht, er hilft eher, dass wir sie zulassen und mitten in der Trauer genau hinschauen, ob mitten in der Schwachheit Kräfte wachsen. Zum Beispiel die Gewissheit, dass er lebt und nahe bei uns ist; zum Beispiel, dass wir alles, was war, immer wieder innerlich wiederholen, bis wir sagen: Ja, so war es, so kann ich es stehen lassen; Zum Beispiel, dass wir entdecken: Auch wenn er nie mehr wiederkommt, er bleibt in mir lebendig. Trost macht kein Mensch. Er wächst mit Gottes Hilfe.

*

Einige Nächte vor jener Nacht, in der er starb, überkam es ihn, dass er noch etwas schreiben wollte. Es schien so, als ob noch viele Dinge ihn bewegten. Am Ende stand nur ein Wort auf einem großen Zettel, und das hieß: Frieden.

Das ist in meinen Augen wie ein Vermächtnis und wie eine Bitte an uns alle. So endet auch sein kurzer Lebensbericht von vor drei Jahren: »Die neue Aufgabe für die Menschen des 21. Jahrhunderts: das Gespräch zwischen den Religionen, den großen Weltreligionen und den Menschen verschiedener Bekenntnisse. Dass es auf diesem Feld zur Bescheidenheit bei den Kirchen und zu sichtbaren, wirksamen Fortschritten kommt: Das ist mir wichtig.«

*

Liebe Frau Zink! Eberhard Jüngel, der berühmte und von mir ebenfalls geschätzte Tübinger Theologe, schrieb in die kleine Festschrift zum 90. Geburtstag Ihres lieben Mannes nur einen Satz als Gruß, indem er den Anfang eines Gedichts von Joseph von Eichendorff variiert: »Es war, als hätt’ die Erde den Himmel (still) geküsst.« – Als ich das damals las, dachte ich: Na, er hätte auch etwas mehr schreiben können.

Aber jetzt, in den letzten Tagen, dachte ich: Das ist das Größte und Schönste, wenn man das vom Leben eines Menschen sagen kann. Wenn sich Erde und Himmel in diesem Leben küssen, wenn Gott so in ihm wohnt, dass dies geschehen kann. Ich bin gewiss, dass Gott, der in ihm wohnte, ihn auch jetzt geführt hat in Gottes Licht, in die große Freiheit und in seinen Frieden.

Vielleicht sagt Christus, wenn auch wir dorthin kommen, wieder dieses:

»Aufatmen sollst du und frei sein.«

Lasst uns alle darauf hoffen. Amen!

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