Internetseite von Jörg Zink
Die Internetseite von Jörg Zink

Interviews

Hier finden Sie kurze Ausschnitte aus Interviews der vergangenen Jahre. Sie beantworten Fragen, die mir immer wieder einmal gestellt werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde der Wortlaut zum Teil zusammengefasst.

Autor Sprechen Krise der Welt
Botschaft Übersetzen Älterwerden
Kirche Mystik Offene Fragen
Martin Luther Dialog der Religionen Ein roter Faden?
Kirchentage Gewaltlosigkeit Drei Wünsche?
Bücher Frieden Hoffnung?
Schreiben Feminismus Glück?

Autor

Sie sind ein christlicher Autor, ein Bibelinterpret, einer, der Lebenshilfen gibt, hin und wieder auch ein Lyriker. Sie sind kein klassischer Sachbuchautor, Sie sind kein Romancier. Wie, wo sehen Sie sich eigentlich selbst? (wcs)

1985: Ich habe als junger Mensch angefangen, lyrische Gedichte zu schreiben, und wollte einmal ein Dichter werden. Aber welcher halbwegs begabte junge Mensch will das nicht? Ich habe auch Bühnenstücke geschrieben. Die sind zum Glück nie aufgeführt worden, denn das waren Schnulzen schrecklichster Art.

Der Krieg und die Erfahrungen, die ich in der Kriegszeit machte, haben dann die Akzente sehr verschoben. Ich habe mich für den Weg des Theologen entschieden und bedaure das keinen Augenblick. Dass man mit Sprache umgehen kann, ist ja nicht nur Voraussetzung für einen Lyriker, sondern für jeden, der schreibt, was immer er schreibt oder sagt.

Ich bin dann sehr schnell in den Arbeitsbereich „Publizistik“ im weitesten Sinn hineingeraten, weil ich nach zwei Jahren Pfarrdienst die Leitung eines Verlags zu übernehmen hatte. Von da an hatte ich mit dem ganzen breiten Spektrum zu tun: mit Büchern, Zeitschriften, Einzelblättern, Fernsehen, Hörfunk, Schallplatte, Tonband, Bild, Foto, Diapositiv und was es noch so gibt. Und ich fand es sehr sinnvoll und reizvoll, in all diesen Sparten gleichzeitig am Werk zu sein.

Der Dichter – um auf Ihre Frage zu antworten – unterscheidet sich von einem schreibenden Pfarrer darin, dass der Dichter, auch der Lyriker, seine eigene Seele sozusagen nach außen wendet, dass er also sagt, wie es ihm ums Herz ist. Das ist für mich ganz uninteressant. Für mich ist es viel interessanter, wie es den Menschen ums Herz ist, für die ich schreibe. Und was es denen zu sagen gibt, damit ihnen anders ums Herz wird, als es ist.

Ich bin in diesem Sinne überhaupt kein Dichter und auch kein Schriftsteller. Sondern ich bin einer, der das Handwerk der Seelsorge und Lebenshilfe und das Handwerk der Verkündigung und der biblischen Auslegung über zahlreiche verschiedene Medien experimentell entwickelt hat und praktiziert.

Botschaft

Sie waren nur wenige Jahre Gemeindepfarrer, aber in Ihren Büchern verkünden, vermitteln auch Sie eine ganz bestimmte Botschaft – allerdings nicht ausschließlich eine frohe. Wie würden Sie das, was Sie an Botschaft anzubieten haben, kurz beschreiben? (wcs)

1985: Das ist in erster Linie das, was wir „Evangelium“ nennen. Und das ist durchaus eine frohe Botschaft, geeignet, uns das Leben zu ermöglichen, zu erleichtern, lichter und freundlicher zu machen. Allerdings, wenn ich das nun in den Kontext dessen setze, was wir an Zeiterscheinungen, was wir an Prognosen haben, dann wird, was ich sage, auch ein bisschen düsterer. Das liegt weniger am Evangelium, als an den Zeiten; in denen wir leben.

Sie sind als Pfarrer über den Rahmen einer Ortsgemeinde hinausgewachsen, 1980 aus den Diensten der Württembergischen Landeskirche ausgeschieden und vor allem als Buch- und Filmautor bekannt geworden. Sind Sie immer noch ein Prediger? (wth)

2011: Ja, ich sehe mich nach wie vor als Prediger. Ich will mit meinen Büchern und wollte mit meinen Filmen nichts anderes erreichen als mit dem gesprochenen Wort: Menschen auf Gott ansprechen. Ich vermute, dass die Kirche in den nächsten Jahrzehnten mehr und mehr von Laien geleitet und verwaltet wird. Sie müssen also mehr wissen, als sie normalerweise mitbringen. Ich möchte zu einer Literatur über den Glauben beitragen, auf die sie zurückgreifen können. Laien, Menschen ohne theologische Vorkenntnisse, sollen den Glauben verstehen können. Noch nie habe ich für Theologen geschrieben.

Kirche

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zur Institution Kirche? Es war ja nicht immer so, dass man Sie auf allen Ebenen unbedingt geliebt hat. Manchen galten Sie zwischenzeitlich fast schon als ein verlorenes – oder muss man sagen „schwarzes“ oder gar „grünes“ – Schaf? (wcs)

1985: Ein schwarzes Schaf war ich eigentlich nie. Ich habe auf den schwarzen Anzug nie Wert gelegt. Und ein grünes Schaf? Wenn es ein Schaf ist, das im Grünen weidet, ist das durchaus etwas Erfreuliches. Nein, ich habe eigentlich mit meiner Kirche ernsthaft nie Probleme gehabt, sie hat mir kaum je Vorschriften gemacht, was ich zu sagen habe – gerade im Fernsehen, wo es nahe gelegen hätte. Meine Kirche hat mich in großer Weisheit an der langen Leine laufen lassen, und das habe ich ihr auch immer gedankt. Ich bin nicht der Meinung, dass alles Übel von den organisierten Kirchen herkommt, nur darf man von ihnen nichts erwarten, das sie nicht leisten können.

Wenn ich etwas zu sagen habe, das für den Augenblick gesagt werden muss – jetzt und heute, in dieser Stunde –, kann ich nicht erwarten, dass eine Institution Kirche mit ihrem Ballast an Organisation mir dies abnimmt. Ich habe mich immer so verstanden, dass ich mir sozusagen als „freie Wildsau“ im Unterholz der Kirche und der Gesellschaft meinen eigenen Weg suche. Mit meiner eigenen Witterung. Und dann jeweils das aufstöbere, was es da zu finden gibt. Das kann die organisierte Kirche nicht. Und die Kirche hat das auch immer geschätzt.

Martin Luther

2017 wird Luther groß gefeiert. Schadet der Rekurs auf diesen Reformator dem Fortschritt in der evangelischen Kirche? Oder soll sie wieder mehr zu ihrem lutherischen Kern zurückkommen? (aö)

2011: So wichtig finde ich Luther nicht. Wenn wir rekurrieren wollen auf das, was uns bestimmen soll, dann haben wir das Neue Testament. Dann haben wir die Anfänge. Und Luther war ja nur einer, der eine bestimmte Aussage modernisiert wiedergegeben hat. Natürlich kann man Lutherfeiern abhalten. Aber für mein Gefühl hat das keine große Bedeutung.

Warum haben Sie das Neue Testament neu übersetzt? Glauben Sie, dass der lutherische Sprachduktus sich überholt hat? (aö)

2011: Wir brauchen immer wieder neue Bibelübersetzungen, die sich der Sprache anpassen. In 50 Jahren wird man die Bibel ganz anders lesen. Nur so kann man die Menschen zum Glauben beflügeln wie in den Zeiten davor.

Kirchentage

Sie haben seit 1952 an allen Kirchentagen teilgenommen und waren fast fünfzig Jahre lang regelmäßiger Redner bei Bibelarbeiten und anderen Veranstaltungen. Welche Bedeutung haben Kirchentage für Sie im Leben der Kirche? (nach mm)

2012: Der Kirchentag ist das Beste, was die Kirche den Menschen heute zu bieten hat. Er ist das große Spiel- und Experimentierfeld der Kirche, das ich immer voll bejaht habe. Dort ist das Wort völlig frei. Dort darf jeder genau das sagen, was er denkt. Wichtig waren mir dabei besonders die Bibelarbeiten am Morgen, denn ich wollte, dass der Kirchentag sich dort am deutlichsten ausspricht, wo es um die Bibel geht – dass er diese Basis nie verliert. Denn das ist die Gefahr von jeder Art Laienbewegung: dass die Bibel dabei weniger wichtig wird. Weil sie zu schwierig ist.

2009: Der Kirchentag ist eine evangelische Gegenkraft gegen eine nur verwaltete, nur bewahrende Kirche. Er ist ein Forum, auf dem ohne Verpflichtung auf das Gewesene und Gewordene frei über die Stunde nachgedacht wird, in der die Kirche steht. Nachgedacht über den Zustand der Gesellschaft, in der sie lebt. Über den Zustand der Menschheit. Eine organisierte Kirche braucht manchmal lange Wege, bis eine Veränderung in der Gesellschaft zu ihr durchdringt. Und das sollten wir ihr nicht übel nehmen. Aber wir sollten unsere Aufgabe darin sehen, uns umzusehen, die Lage zu erkennen, in der wir uns befinden, und in die Zukunft zu blicken mit der Frage, was wir denn künftig anders zu machen hätten.

Bücher

Was bedeuten eigentlich Bücher für Sie – selbstgeschriebene, aber natürlich auch die anderer Autoren? (wcs)

1985: Bücher sind für mich in erster Linie Gesprächspartner. ... Und wenn ich Bücher schreibe, dann treten diese Bücher exakt an die Stelle der Begleitung, die bestimmte Menschen in meiner Seelsorge eigentlich brauchen würden und die ich anders nicht leisten kann. Seelsorge ist ja Begleitung von Menschen durch bestimmte Phasen ihres Lebens, der Versuch, ihnen dabei zu helfen und ihnen ein weiterführendes Wort zu sagen. Und deshalb schreibe ich meine Bücher meistens so, dass sie sich in kurzen Abschnitten lesen lassen. Sozusagen als Nachttischlektüre – so, dass man abends zwei, drei Seiten lesen kann. Diese drei Seiten müssen in sich rund sein, eine abgeschlossene Aussage haben, aufbauen auf dem Vorigen, aber selbständig wirken. Die meisten Bücher, die ich geschrieben habe, sind für eine Zeit von sechs Wochen disponiert oder ein Vierteljahr. Das Buch ist für mich im Großen und Ganzen dasselbe, was die Arbeit des Seelsorgers in seiner Gemeinde ist: die Begleitung derer, die es brauchen.

Schreiben

Sie haben sehr viele Bücher geschrieben. In welcher Weise verändert sich von Buch zu Buch die Einstellung zum Geschriebenen? Werden Sie selbstkritischer? Beginnen Sie zu zweifeln an dem, was Sie da geschrieben haben? (wcs)

1985: Ich erlebe, dass das, was ich mir vor Jahren sehr hart erarbeiten musste, nämlich die Sprache, mir heute leichter fällt. Und dass sich heute das geistliche Gespräch, das ich permanent führe, leichter umsetzen lässt in das geschriebene Wort. Wir Theologen haben ja den riesigen Vorteil, einen Beruf zu haben, der uns im Lauf der Jahre nicht unfähiger antrifft, sondern je älter man wird, um so mehr hat man zur Verfügung, was der Beruf erwartet: Erfahrung. Und so geht es mir auch mit der Schreiberei.

Sprechen

Einen Pfarrer stellt man sich nach wie vor gern auf der Kanzel vor. Sie sprechen als Autor die Menschen auf einer anderen Ebene an, quasi schwarz auf weiß. Warum haben Sie dieser Ansprache den Vorrang gegeben? (wcs)

1985: Priorität habe ich ihr gar nicht eingeräumt, die meiste Zeit verbringe ich im Umgang mit Menschen, mit jungen Menschen. Ich habe viel offene Jugendarbeit gemacht. Oder ich denke an die Kirchentage, Gottesdienste, die ich halte, Vorträge und Diskussionen. Die meiste Zeit verbringe ich sozusagen mündlich, mit Mund und Ohr. Priorität hat das Buch für mich dann, wenn es etwas tun kann, das das gesprochene Wort nicht vermag. Wenn ich zum Beispiel den Leuten rate „Versucht doch morgens, ehe Ihr in den Betrieb fortlauft, noch eine Seite, irgendeinen guten Gedanken zu lesen“, dann schreibe ich eben ein Buch, das aber immer nur an die Stelle des sprechenden Menschen tritt. Obwohl Bücher natürlich – das muss man schnell dazusagen – eine andere Sprache haben als das gesprochene Wort.

Übersetzen

Man sagt im Allgemeinen, eine Übersetzung sei umso besser, je genauer von einer Sprache in die andere übersetzt wird. Was sind die besonderen Merkmale Ihrer Übersetzungen biblischer Texte? (nach mk)

1995: Wenn man von „treuen“, „genauen“ oder „exakten“ Übersetzungen spricht, verbirgt sich darin, meine ich, ein Missverständnis. Eine exakte Übersetzung gibt es überhaupt nicht, denn Voraussetzung dafür wäre, dass beide Sprachen denselben grammatikalischen Rahmen besäßen und bestimmte Wörter exakt dasselbe meinten wie die entsprechenden Wörter in der anderen Sprache. Beides trifft aber nicht zu. Wörter überdecken sich zwischen zwei Sprachen immer nur partiell, und oft wird ein bestimmtes Wort der einen Sprache erst durch drei verschiedene der anderen Sprache einigermaßen wiedergegeben.

Und noch etwas anderes kommt hinzu, das für das Ergebnis einer verständlichen Sprache entscheidend ist: Übersetzen ist eine Arbeit an Bildvorstellungen. Wenn ich einen Originaltext lese, stelle ich mir vor, was die Menschen sich vorgestellt haben, die dort sprechen, und versuche, es in die Bildvorstellungen heutiger Menschen zu übertragen. ... Erst wenn es mir gelingt, in einem heutigen Menschen eine ähnliche Vorstellung zu erwecken, wie die Vorstellung war, die aus einem alten biblischen Text spricht, habe ich übersetzt. Wenn heutige Hörer und Leser dasselbe vor Augen haben, was Menschen vor zwei- oder dreitausend Jahren gesehen haben, dann ist die Übersetzung gelungen.

Zugleich muss das Misstrauen gegenüber der Sprache des Tages erhalten bleiben. Wer wie ich in der Sprache des Hitler-Reichs aufgewachsen ist, in jener Zeit der Unkenntlichkeit des Worts, der trägt ein tiefes Misstrauen gegenüber der Sprache mit sich und kann nicht einfach die Sprache der jeweiligen Gegenwart sprechen. Die Sprache, in der ein Pfarrer heute reden kann, ist nicht die des Schlagers, der Zeitung oder der Gasse, sondern sie wird immer auch an ihrer Fremdheit kenntlich sein – wie das Evangelium selbst, das sie ausdrückt.

Mystik

Was bezeichnen Sie mit „Mystik“? Das Wort ist doch sehr unklar. (mk)

1995: Das Wort ist tatsächlich unklar. Jeder, mit dem ich darüber rede, stellt sich etwas anderes darunter vor. Vielleicht sollte man nicht mit einer Definition beginnen, die sagen würde: Das und das genau ist Mystik. Mystik ist so vielfältig wie die Menschen, denen sie etwas bedeutet. Sie ist so vielfältig wie die religiösen Gedanken der Menschen rund um die Erde. Denn es gibt ja mystische Strömungen in allen Religionen. Alles, was als Mystik gesucht und gefunden wird, beschrieben und bedacht, ist Ausdruck einer persönlichen Erfahrung. Man kann, was Mystik ist, nicht vereinheitlichen. Man kann es nicht in Lehrsätze oder Dogmen fassen. Es ist das Eigenste, das in einem religiösen Menschen Raum greifen kann.

Es scheint schon mehr Sinn zu haben für den Anfang, sich die lange Reihe derer vor Augen zu führen, die wir als Mystiker bezeichnen, und darüber zu staunen, was für ein Reichtum an Gedanken und Einsichten uns dabei begegnet. In der Tat ist die christliche Geschichte ohne die von Anfang bis heute sich durchziehende mystische Tradition nicht vorstellbar. Und ich meine nun eben, sie sei auch künftig ohne einen neuen mystischen Beitrag nicht denkbar.

Dialog der Religionen

Sie sprechen sich für einen Dialog nicht nur innerhalb der christlichen Konfessionen, sondern ganz allgemein mit allen Religionen aus. Wie stellen Sie sich einen solchen Dialog vor? (pz)

2012: Er setzt voraus, dass wir von unserem hohen Ross herunterkommen müssen und nicht mehr glauben, wir Christen seien die einzige Religion, die die Wahrheit hat. Mit Ehrfurcht und Hingabe müssen wir wahrnehmen, was in den anderen Religionen gewachsen ist.

Die Diskussion mit fremden Religionen ist heute so bedeutsam wie die Friedensdiskussion in den 1980er Jahren. Jetzt wird es darauf ankommen, dass man Veranstaltungen mit Christen und Muslimen und Hindus und Zen-Meistern macht. Auch die Naturreligionen gehören dazu, die bisher eher abgewertet wurden. In diesem Bereich gibt es viel zu tun. Da liegt meines Erachtens die momentane Hauptaufgabe der Kirchen. Die Kirchen werden dabei viel von ihrer Missionstätigkeit aufgeben müssen und mit Angehörigen von Naturreligionen ein Gespräch auf Augenhöhe führen müssen. Davon hängt auch wiederum ab, ob die Kirchen am Ende mit ihrer Friedensarbeit Erfolg haben. Denn das schaffen wir nicht alleine. Dazu sind wir als Christen ein viel zu geringer Anteil der Menschheit. Wir werden da viel Neues in unserer Theologie entdecken.

Ich habe mich mit den afrikanischen und mit den indianischen Naturreligionen beschäftigt. Jedes Mal habe ich gestaunt, was wir Christen von ihnen lernen können. Dass es zum Beispiel an Wahrheit kaum eine Differenz gibt zwischen den einfachen Religionen und den Hochreligionen. Dass die Afrikaner heute an vielen Stellen das Christentum übersetzen ins Afrikanische, das heißt in die Naturreligionen. Jetzt müssen wir auf dieser Ebene miteinander reden. Eines meiner Bücher, das damit Ernst macht, ist „Entdecken, was verbindet“. Hier habe ich die entscheidenden Texte zusammengetragen. Das ist im Grunde eine Konsequenz aus der Mystik. Die Mystik – und das Christentum ist zumindest bei Paulus eine Mystik – grenzt sich niemals entschieden gegen fremde Religionen ab.

Gewaltlosigkeit

Man hat Ihnen und anderen, wenn es um Fragen des Friedens und der Gewaltlosigkeit ging, immer wieder entgegengehalten, man könne nun einmal „mit der Bergpredigt keine Politik machen“. Gibt es hier inzwischen Veränderungen? (nach mm)

2012: Die Kirche war in den Fragen des Friedens immer gespalten. Sie hat einerseits immer für Frieden plädiert und das Wort Frieden in Gebrauch genommen. Sie hat Forderungen aufgestellt. Andererseits hat sie uns Pfarrer zum Stillschweigen verpflichten wollen, wenn es um den Frieden ging. Ich bin aus dem Dienst der Württembergischen Landeskirche – in tiefem Frieden mit meiner Kirchenleitung – ausgetreten, um mir die Möglichkeit zu bewahren, vom Frieden zu reden. Da wurde man oft angegriffen, wenn man eine Rede für den Frieden hielt und dabei den Talar trug – das sollte nicht sein. Die Kirche ist viel zu vielen verschiedenen Menschen verpflichtet, mit ihnen übereinzustimmen, und das will sie nicht in Gefahr bringen. Und genau das ist das Unglück. Das ist ein Teil ihrer mangelnden Glaubwürdigkeit.

Die Bergpredigt war 1950, als ich anfing, weniger bekannt. Und sie war umstritten, sie durfte im Grunde nicht ernst genommen werden. Heute sagen durchaus auch Bischöfe, leitende Leute der Kirche, die Bergpredigt sei ein ernst zu nehmender Rat, wie man mit einem Gegner oder einem Andersdenkenden umzugehen hat, wenn man Frieden will. Wenn ich heute erkläre, dass ich das gewaltlose Handeln für das aussichtsreichere halte als das mit Gewalt umgehende, dann hält man mich nicht mehr für blöde. Dann hält man mich höchstens für einseitig oder für einen, der eine gewagte Sache vertritt. Und wenn ich heute verlange, dass eine Kirche auf Gewalt in jeder Form verzichten muss, wenn ich also die Bergpredigt ernst nehme, dann kann ich damit rechnen, dass ein nachdenklicher Mensch mir recht gibt. Und dass er nur nachfragt: Wie soll es gehen?

Frieden

Es gibt unter den Themen, die einem Pfarrer Ärger bringen können, nicht viele, die Sie ausgelassen haben. So haben Sie in der Friedensbewegung und bei ihren Aktionen praktisch seit den Anfängen in den 1950er Jahren mitgewirkt, vor allem aber seit 1980. Nach 40 Jahren Friedensbewegung: Hat sie etwas bewirkt? Und was? (mk, mm)

1995: Die Friedensbewegung hat zwei Wellen gehabt. Die erste war in den fünfziger und in den sechziger Jahren. ... Die zweite hatte ihren Höhepunkt in der Zeit der Nachrüstung und im Kampf gegen die Pershing-II-Raketen. Diese zweite Welle hat mehr Wirkung gezeigt, vor allem im Ausland. Damals hat man in den Ländern rund um Deutschland, vor allem in den östlichen, zum ersten Mal begriffen, das es in Deutschland eine breite Schicht von Menschen gibt, die sich in die Front des Kalten Krieges nicht einreihen, die auch keinen Revanchekrieg führen wollen, weder gegen Russland noch sonst gegen irgendjemanden. Und das war wichtig, das hat einen Anfang von Vertrauen bewirkt, vor allem in Russland. Was danach durch Gorbatschow in Bewegung kam, wäre bei den Nachbarn Deutschlands ohne die Friedensbewegung nicht durchsetzbar gewesen. ... Es war eine der Wirkungen unter anderem der Friedensbewegung, die am Anfang der Wiedervereinigung Deutschlands und am Anfang der Umgestaltung der Sowjetunion stand.

Sollten wir also nicht über die Zeiten hinwegsein, in denen man um den Willen Jesu, wie er in der Bergpredigt formuliert ist, herumreden konnte? Sollten wir nicht des historischen Sammelsuriums von Ausreden, wo der Wille Jesu Geltung habe und wo nicht, endlich überdrüssig sein und erkennen, wie die Welt genau das von uns braucht, was dort formuliert ist? Sollten wir nicht endlich wissen können, dass nur der seinen Feind versteht, der ihn liebt, und dass es lebensgefährlich ist für die ganze Menschheit, wenn eine Weltmacht ihren Feind nicht versteht, weil sie ihn hasst und zum „Zentrum alles Bösen in der Welt“ erklärt? Sollten wir nicht endlich wissen können, dass heute Gewaltfreiheit kein Luxus mehr ist, sondern eine Bedingung für das Überleben der Menschheit? Ist es nicht Zeit, dass die Kirche Christi ihr Mandat, Frieden zu stiften, begreift? Ist es nicht Zeit, dass wir auf dem heute notwendigen Weg zum Frieden auch die eine Kirche Jesu Christi entdecken jenseits aller Konfessionen? Ich gestehe gern, dass das Zeitalter der Konfessionen für mich ebenso vorbei ist wie das Zeitalter christlicher Kriege und dass ich mich nur noch dort engagiere, wo Christen die heutige Aufgabe der Kirche konkret und gemeinsam anfassen.

2012: Die Friedensbewegung war immer eine Bewegung, die nur eine Minorität in Bewegung setzen konnte. Da gehörte ein gewisser Mut dazu, eine gewisse Freiheit, eine Selbstständigkeit, die eben nur bei einer Minorität zu finden ist. Aber es zeigt sich dann immer wieder einmal, dass genau diese Minorität den Willen der Mehrheit ausdrückt. Die Friedensbewegung hat eben keine Minorität repräsentiert. Sondern sie hat gezeigt, dass das Wort „Frieden“ von mehr Menschen verstanden wird, als es zunächst schien.

Feminismus

Wie stehen Sie zum Feminismus? Hat er etwas mit der Zukunft der Kirche zu tun, oder ist er eine Modewelle? (mk)

1995: Er ist alles andere als eine Modewelle, und ich habe überhaupt kein Problem mit ihm. Ich halte für selbstverständlich, dass Frauen ebenso wie die Männer unabhängig denken und ihren freien Entscheidungen vertrauen; dass sie öffentliche Ämter wahrnehmen und sich zuständig fühlen wie die Männer in allen Belangen des Lebens. Längst zeichnet sich ab, dass am Ende des 2. Jahrtausends die sechstausend Jahre alte Herrschaft der Männer über die Frauen auch in der Kirche zu Ende geht. Das hat zunächst nichts mit der Kirche zu tun, es ist ein allgemeiner Kultureinschnitt. Wohl aber ist die Herrschaft der Männer in der Kirche eine Begleiterscheinung der alten allgemeinen Kultur, in der die Kirche gelebt hat und die mit dem Evangelium nichts zu tun hat. ... Es hat in der evangelischen Kirche erbärmlich lange gebraucht, bis man das begriffen hat, und es wird in der katholischen noch ein paar Jahre länger brauchen. Aber das Pfarramt oder Priesteramt der Frau wird in allen Kirchen irgendwann kommen. ... Und niemand soll meinen, dies sei allein ein katholisches Problem. Es sitzt auch noch in vielen evangelischen Köpfen.

Krise der Welt

Wie sehen Sie die Zukunft unserer Welt, und was müsste sich ändern? (mk)

1995: Für die Zukunft der Welt sehe ich – wenn ich dabei nichts anderes bedenke als die Art, wie wir mit ihr umgehen – schwarz. Ich sehe in ökologischen Fragen keine Umkehr, ein bisschen Kosmetik, aber mehr nicht. Und wir alle wissen, dass die Erde, wenn keine Umkehr geschieht, in Kürze zerstört sein wird. ... Ändern müsste sich deshalb sehr viel.

Zum Beispiel ist dem Ausdehnungs- und Wachstumsdrang der Wirtschaft künftig bewusster Widerstand entgegenzusetzen. Wir werden weniger verbrauchen. Wir werden nicht alles tun, was wir tun können. Wir werden nicht alles aus der Erde holen, was darin ist. Wir werden auf die Steigerung von landwirtschaftlichen Erträgen verzichten, wenn sie nur durch Ausrottung von Tierarten und Vergiftung des Bodens erreichbar ist. Wir werden uns künftig nicht mehr für berechtigt halten, großtechnische und großwirtschaftliche Entwicklungen voranzutreiben, wenn sie an anderen Stellen in der Welt Ausbeutung und Zerstörung bedeuten. Wir werden weniger Energie verbrauchen. Wir werden wieder fragen, womit und wofür wir eigentlich leben, und werden dem Raffen, Haben und Besitzen einen geringeren Rang einräumen als bisher. Wir werden den Sinn unseres Lebens nicht wie bisher in Erfolg und Leistung, sondern im Sein suchen, in der Einbettung in das Ganze der Kreatur, im verantwortlichen Mitwirken im großen Zusammenhang, im Mitdenken und Mitempfinden.

„Sein“ heißt mit anderen sein: Anders lassen sich heute keine „Grundwerte“ mehr entdecken. Anders lässt sich heute keine Zukunft mehr denken, die zu erleben sich für einen jungen Menschen lohnen könnte. Anders lässt sich künftig auch unter Christen weder der erste Glaubensartikel bekennen noch der zweite, der vom Opfer spricht und von der Freiheit, die aus dem Opfer kommt, noch der dritte, der von der Gemeinschaft nicht der Verbraucher, sondern der Glaubenden spricht und uns meint.

Älterwerden

Darf man als Christ mit seinem Glauben in Schwierigkeiten geraten, wenn man in eine Situation hineingerät, von der man vorher dachte, sie würde einen nie treffen? Können Sie sich vorstellen, dass mit zunehmendem Alter auch die Kräfte des Glaubens abnehmen? (mk)

1995: Natürlich, das weiß doch jeder. Ich laufe heute hundert Meter nicht mehr in 11,5 Sekunden. Die Kräfte nehmen ab, das ist normal, aber natürlich ist es mühsam und schwierig, dazu ja zu sagen. Karl Rahner hat für Walter Dirks einen Aufsatz geschrieben, als sie beide über achtzig waren. Darin spricht Rahner in einer ergreifenden Weise von der Mühe, die er jetzt mit sich selbst hat. Er sagt, es gibt eine Art Altersdepression, die etwas Unchristliches an sich hat, eine Art von Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit, von Nicht-mehr-Können, und er weiß nicht, ob er, wenn er noch älter wird, mit dieser Altersdepression, dieser primitiven, allgemein menschlichen, noch fertig wird. Eigentlich müsse er es können, denn er habe eine Leben lang über den christlichen Glauben geredet und habe ihn mitvollzogen und in ihm gelebt. Aber, sagt er, selbst wenn ich es nicht schaffe, meinen Glauben festzuhalten, dann weiß ich, dass Gott nichts von mir verlangen wird, das ich nicht kann, und dass mir dann auch dies erlassen ist. Dass ich dann in meiner ganzen Zerbrochenheit vor Gott treten und glücklich sein kann.

Wie erleben Sie jetzt das eigene Älterwerden? (nach mm)

2012: Das Altwerden ist ein Naturvorgang, den habe ich nicht zu verantworten. Ich bin jetzt neunzig, und dafür kann ich nichts. Es kommt nur darauf an, als wer ich alt geworden bin. Ich bin durch mein Leben in einem hohen Tempo gelaufen und mit der Absicht, viel zu bewirken. Und ich werde langsamer. Und sage mir, das, was du wirklich erreicht hast, ist genau gesehen wenig. Aber dazu stehst du. Und jetzt lässt du nur noch mit dir machen. Die spirituelle Aufgabe im Alter ist ganz eindeutig so, dass ich mir selber immer unwichtiger werden muss – und mich vorzubereiten auf den, der mich empfängt.

Offene Fragen

Sie gelten als Experte in Glaubensfragen. Haben Sie selber noch Fragen? (pz)

2012: Natürlich. Ich möchte auf jeden Fall eine Antwort auf die Frage, wie es im Jenseits aussieht. Das weiß ich nämlich nicht. Das kann noch eine Überraschung geben. Da warte ich drauf.

Aber Sie haben eine Vorstellung davon, wie es nach dem Tod weitergeht. (pz)

2012: Ja, sie ist so, wie man sie sich in dieser Welt ausdenkt. Das heißt, sie ist nicht so, wie sie sein wird.

Wie stellen Sie sich die Ewigkeit vor? (pz)

2012: Ich habe wenig darüber geschrieben. Und zwar deshalb, weil ich das, was ich erfahre, nicht verallgemeinern kann. Ich stelle mir jedenfalls vor, dass wir in der Ewigkeit neue Aufgaben bekommen. Dass wir nicht etwa im himmlischen Sofa ausruhen, sondern dass wir neue Aufträge bekommen, die wir zu erfüllen haben. Das ist das Einzige, was uns hier und dort als Einheit erscheinen lässt – die Beauftragung zur Wiederherstellung des Reiches Gottes.

Nach dem Tod gibt es einen neuen Abschnitt? (pz)

2012: Ja, und diese Zeit geht dann auch wieder zu Ende. Wenn die Bibel von „ewig“ spricht, spricht sie von einer Epoche, die ablaufen wird; sie spricht von Äonen, deshalb kann sie auch von mehreren Ewigkeiten sprechen.

Was antworten Sie jemandem, der davon überzeugt ist, dass nach dem Tod alles aus ist? (pz)

2012: Darauf gibt es nur eine Gegenfrage: Woher weißt du das?

Ein roter Faden?

Gibt es in Ihrem Leben eine durchgehende Linie, eine Art roten Faden? (nach mm)

2002: Diese rote Faden ist aus vielerlei Dingen zusammengezwirnt. Da gibt es zunächst einen persönlichen roten Faden, indem ich mir von meiner Kindheit an vorgenommen habe: Du gehst deinen eigenen Weg, den du dir von niemandem vorschreiben lässt! Eine andere Linie ist vielleicht, dass ich ein Mensch bin, der mehr mit den Augen als mit den Ohren lebt – so, dass Bilder und optische Erfahrungen für mich eine viel größere Rolle gespielt haben als etwa die Musik. Und dass ich auch was die Sprache angeht, nach der ich gesucht habe, eine Sprache meinte, die in Bildern ergeht, die anschaulich wird, und verbunden ist mit den seelischen Bildern der Menschen, die sie in ihrem seelischen Untergrund mit sich führen. Und ein Drittes war, dass ich einige Begegnungen mit Menschen hatte, die es mir nahegelegt haben, nichts anderes suchen zu wollen als das Wort, das das Evangelium uns zuspricht.

2007: Der rote Faden durch mein Leben war eigentlich, dass ich an vielen Stellen, wo ich zu tun hatte, Anfänge ausprobieren konnte. Dass ich immer wieder an Stellen kam, an denen noch nichts geläufig war und ich meine Versuche anstellen konnte. Und darüber bin ich sehr glücklich.

2012: Der rote Faden kann eigentlich nur bestehen in den verschiedenen Weisen, wie ich Gott erkenne. Er kann nur in den verschiedenen Einsichten bestehen, die mir im Lauf meines Lebens meinen Weg zeigten.

Drei Wünsche?

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Mehr als drei Wünsche“. Wenn Sie nur drei davon frei hätten, wie würden sie lauten? (wcs)

1985: Da wäre ich sehr rasch im politischen Feld. Da wäre ich schnell dort, wo mein Leiden liegt um die Zerstörung der Schöpfung, über die ich schon Fernsehfilme gemacht habe, als es den Begriff „Umwelt“ noch kaum gab. Ich wäre schnell an dem Punkt, an dem es um Weltfrieden geht und die Lebensmöglichkeiten in der Dritten Welt. Ich wäre sehr unbescheiden, hätte ich drei Wünsche frei!

Hoffnung?

Haben Sie nach einem so langen, intensiven Leben als Theologe, der unermüdlich den Glauben vermittelt, eine Hoffnung für nachfolgende Generationen? (aö)

2012: Ich hoffe, dass die Fremdheit dem Religiösen gegenüber, die heute die Straße beherrscht, sich eines Tages wieder umkehrt, und die Leute eines Tages merken, wie spannend es ist, wenn man seine eigenen Glaubenserfahrungen ernst nimmt. Die Menschen müssen sich selber entdecken und ihre eigenen Möglichkeiten erfassen. Ich wünsche mir, dass die Menschen wacher werden, wenn ihnen etwas begegnet, das ihnen Wahrheit bringt.

Glück?

Kann man sich Herrn Zink als einen glücklichen Menschen vorstellen? (aö)

2011: Ja. Unumwunden. Ich hatte ein großartiges selbstständiges und freies Leben, und ich habe so viel Dankbarkeit bei den Menschen erlebt, dass ich nur sagen kann: Vielen Dank!